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Theater mit und ohne Handicap

Sonntagstheater beim Sommerfest von Lebenshilfe HPZ und Kirmes der Ortsgemeinschaft Bürvenich-Eppenich – Schauspiel-Workshop für Bewohner der Lebenshilfe HPZ und Bürvenicher mit Natascha Paulick – Dokumentation von Künstler Rolf Kluenter soll Grundlage für schauspielerisch-künstlerische Therapie werden

 

Zülpich-Bürvenich - Es war ein besonderes Schauspiel, das sich den Besuchern des Sommerfestes der Lebenshilfe HPZ gemeinsam mit der Kirmes der Ortsgemeinschaft Bürvenich-Eppenich am Sonntag bot. Bewohner der Lebenshilfe HPZ und Interessierte der Dorfgemeinschaft standen mit ihrer Aufführung des Sonntagstheaters auf der Bühne. Geleitet wurde das Projekt von dem international erfolgreichen Künstler Rolf Kluenter und der Berliner Schauspielerin Natascha Paulick.
 

Ohne Text, dafür mit rhythmischem Ausdruck: Die Bewohner der Lebenshilfe HPZ in ihrer Aufführung beim Sonntagstheater. Foto: Steffi Tucholke/pp/Agentur ProfiPress
 
Bis auf einen Tisch und zwei Stühle war die Bühne im Festzelt leer, als die drei Schauspieler mit Handicap zum Spiel ansetzten. Mit pantomimischen Gesten wurde schnell klar: Es war der gedeckte Tisch eines Kaffeehauses. Ein Mann mit Koffer setzte sich und las in seiner Zeitung, eine Dame setzte sich dazu und rührte in ihrer Kaffeetasse. Ein Mann, offenbar ein Kellner, schwirrte um die beiden herum, die Handlung nahm ihren eigenen Verlauf: Die drei knisterten mit der Zeitung, neckten sich gegenseitig, liefen sich um den Tisch herum nach, lachten.
Natascha Paulick erklärte: „Mit nur einer Woche war die Zeit für unsere Proben sehr begrenzt. Um eine Inszenierung auf die Beine stellen zu können, haben wir ohne Text und dafür rhythmisch gearbeitet.“ Die letzte Probe mit Instrumenten konnte aus Krankheitsgründen nicht mehr fortgeführt werden, aber „ich konnte die Bewohner nicht bremsen, also sind wir alle ins kalte Wasser gesprungen“, lachte Natascha Paulick.
 

Wartende am Bahnhof: Den Schauspiel-Workshop mit Natascha Paulick schlossen die Dorfbewohner aus Bürvenich mit einer Inszenierung beim Sommerfest ab. Foto: Steffi Tucholke/pp/Agentur ProfiPress
 
So wurden Zeitung, Tassen und Löffel zu rhythmischen Requisiten und das Spiel nahm auf der Grundlage der Kaffeehausszene seinen eigenen Lauf. Natascha Paulick: „Die Akteure waren nicht einmal so aufgeregt wie ich – die waren einfach happy.“
 
Eine zweite Szene mit Wartenden am Bahnhof wurde von den Dorfbewohnern einstudiert und aufgeführt. Ganz unterschiedliche Charaktere saßen dort, die scheinbar auf ihren Zug warteten und dabei Zeitung lasen, ihrem Nachbarn auf die Pelle rückten, sich die Nase puderten, Halsbonbons verteilten oder Musik hörten.


Rolf K. Emmerich, Geschäftsführer der Lebenshilfe HPZ, mit der Berliner Schauspielerin Natascha Paulick, die eine Woche lang einen Schauspiel-Workshop für Menschen mit Handicap durchgeführt hatte. Foto: Steffi Tucholke/pp/Agentur ProfiPress
 
Das Sonntagstheater fand zum ersten Mal statt und war Teil des Projektes „Kleiner Kosmos Felsenkeller“, mit dem Rolf Kluenter schon seit zwei Jahren die Menschen in Bürvenich portraitiert. Kluenter hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den Schauspiel-Workshop von Natascha Paulick Eins zu Eins zu dokumentieren. Mit drei Kameras war er dazu während der Proben unterwegs. Sein Ziel: Das Ergebnis Experten vorlegen und auf Grundlage der Dokumentation eine schauspielerische und künstlerische Therapie zu beginnen.
 
„Wir durften hier eine Woche lang mit wunderbaren Menschen zusammenarbeiten“, erzählte Rolf Kluenter im Anschluss an die Aufführung. Dabei sei die Berliner Schauspielerin immer sensibel und auf Augenhöhe mit den Bewohnern geblieben, um ihre Kenntnisse umsetzen zu können. Beide würden das Schauspielprojekt, das sie mit einem ersten Workshop 2014 begonnen hatten, gerne weiter fortführen. „Ich würde gerne mit den Dorfbewohnern einen Krimi aufführen – und mit den Bewohnern der Lebenshilfe HPZ eine vertonte Inszenierung, die die Stärken und Talente der Akteure herausstellt“, so Natascha Paulick.
 

Künstler Rolf Kluenter (links) im Gespräch mit Rolf K. Emmerich, Geschäftsführer der Lebenshilfe HPZ. Die beiden konnten bereits mehrere inklusive Projekte gemeinsam verwirklichen. Foto: Steffi Tucholke/pp/Agentur ProfiPress
 
Das Sommerfest der Lebenshilfe HPZ im Rahmen der Kirmes der Ortsgemeinschaft Bürvenich-Eppenich fand bereits zum 42. Mal statt. „Für die Dorfbewohner, die Vereine und unsere Bewohner der Lebenshilfe ist es schon längst selbstverständlich, dass wir gemeinsam feiern“, sagte Rolf K. Emmerich, Geschäftsführer der Lebenshilfe HPZ. Patrick Müller, Vorsitzender der Ortsgemeinschaft, konnte dem nur zustimmen: „So etwas kann es gar nicht in einem anderen Ort geben. Unsere Dorfkirmes ist zu einem Fest der Inklusion geworden.“ Insgesamt hatte man wieder ein tolles Programm auf die Beine gestellt. Den Auftakt machte am Samstagabend der Hahnenkönigsball mit Live-Musik für das Königspaar Rainer und Hilde Schiffers.
 
Troublemakers
Die „Troublemakers“ begeisterten mit Gesangseinlagen wie „Kölsche Jung“ und „An Tagen wie diesen“. Foto: Steffi Tucholke/pp/Agentur ProfiPress
 
Am Sonntag unterhielt der Musikverein Berg-Bürvenich mit einem Platzkonzert, bevor die Bewohner der Lebenshilfe HPZ die Bühne eroberten. Das Trio der „Troublemakers“ begeisterte mit Gesangseinlagen wie „Kölsche Jung“ und „An Tagen wie diesen“. Begleitet wurden sie von der Tanzgruppe „Let’s Dance“, die vor Energie nur so sprühte. Tänzerisch zeigten außerdem die „BeWo Dancers“ ihr Können – bei einem Tanz mit sonnengelben Regenschirmen.
 

Die Tanzgruppe „Let’s Dance“ tanzte zu Culcha Candela: „Die Erde dreht sich von allein“. Foto: Steffi Tucholke/pp/Agentur ProfiPress

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