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Lebenshilfe HPZ in Bürvenich als Vorreiter für das südliche Rheinland

 

Auszeit für Eltern und Kinder


Fachtagung zum Thema Kurzzeitwohnen beim LVR in Köln –
Lebenshilfe HPZ in Bürvenich als Vorreiter für das südliche
Rheinland


Köln/Bürvenich – Als Becura-Vorsitzender Dr. Walther Witting bei der
Tagung „Auszeit-Orte“ eine Karte von Nordrhein-Westfalen zeigte, die
darstellte, wo nur wenige Jahre zuvor Kurzzeitwohnen für Menschen mit
Behinderungen angeboten wurde, gab es im Rheinland gerade einmal
zwei Markierungen: Eine ganz im Norden des Gebiets bei Kleve, die
zweite ganz im Süden, genauer gesagt in Bürvenich. Deshalb kann man
mit Fug und Recht behaupten: Die Lebenshilfe HPZ war innerhalb des
Landschaftsverbands Rheinland ein Vorreiter in Sachen
Kurzzeitwohnen. Lebenshilfe-HPZ-Geschäftsführer Rolf Emmerich
meinte sogar: „Wir waren lange Zeit die einzigen, die es angeboten
haben.“


Dr. Dieter Schartmann als Leiter des medizinisch-psychosozialen
Fachdienstes beim LVR, eröffnete die Tagung. Foto: Thomas
Schmitz/pp/Agentur ProfiPress


Das hat auch Dr. Dieter Schartmann, Leiter des medizinischpsychosozialen
Fachdienstes beim LVR erkannt, als er bei der Eröffnung
der Tagung im Horion-Haus des LVR in Köln das Heilpädagogische
Zentrum in Bürvenich als „Einrichtung mit Erfahrung“ bezeichnet. Auch
wenn der LVR das Kurzzeitwohn-Angebot ausbaut – und zwar „solide
und vernünftig“, wie Dr. Dieter Schartmann mitteilt – ist im südlichen
Rheinland, also im Bereich Nordeifel, die Bürvenicher Einrichtung immer
noch allein auf weiter Flur.
500 Menschen nehmen das Angebot im LVR-Gebiet derzeit in Anspruch,
1000 Anträge auf Kurzzeitwohnen werden gestellt. „Das bedeutet, das
im Schnitt jeder Leistungsberechtigte zweimal pro Jahr Kurzzeitwohnen
nutzt“, berichtet Schartmann. Die Hälfte davon sind Kinder und
Jugendliche unter zwölf Jahren. 75 Prozent sind Menschen mit geistiger,
20 Prozent Menschen mit körperlicher Behinderung.
Kurzzeitwohnen bedeutet eine Entlastung für die Familie und die
Angehörigen. Während die Eltern Kraft tanken, lebt das Kind oder der
Jugendliche mit Behinderung für ein paar Tage in einer Einrichtung, die
Kurzzeitwohnen anbietet. Genau das sorgt innerhalb des LVR für
Kontroversen. „Die Kritiker denken, dass das der Einstieg dafür ist, ein
Kind abzugeben. Ich empfinde das als deutlichen Unsinn“, erzählt
Schartmann.


becura-Vorsitzender Dr. Walther Witting sprach über Konzeption,
Zielgruppen und Qualität des Kurzzeitwohnens. Foto: Thomas
Schmitz/pp/Agentur ProfiPress


Walther Witting pflichtet ihm bei: „Es geht einfach nur darum, eine
schöne Zeit zu haben.“ Gemeint sind damit nicht nur die Eltern,
Geschwister und Angehörigen, sondern auch die jungen Menschen mit
Behinderung selbst. Das Kurzzeitwohnen fußt auf den vier Säulen
Geborgenheit, Vertrauen, Wohlfühlen und Fördern. Denn auch darum
geht es. Kurzzeitwohnen bedeute eben nicht, das Kind oder den
Jugendlichen einfach abzugeben. Es gehe um die ganzheitliche,
individuelle und heilpädagogische Förderung, um verschiedene
Therapieformen. „Die Gäste in den Einrichtungen sind dauerhaft auf
Unterstützung, Begleitung und Versorgung angewiesen“, erklärt Witting,
der gleichzeitig auch die Krankenkassen in die Pflicht nimmt,
Kurzzeitwohnen zu unterstützen.


Erholte Eltern, glückliches Kind

Dass sich Eltern durchaus zuerst mal schuldig fühlen, erklärte XYZ
Willerscheid aus Mönchengladbach, die selbst Mutter eines fünfjährigen
Jungen mit Behinderung ist. „Es war nicht leicht, ihn abzugeben, es hat
wehgetan. Aber ich brauchte die Auszeit ganz dringend und wusste,
dass er gut aufgehoben ist. Ich habe ein glückliches Kind
zurückbekommen“, war sie voll des Lobes. Deshalb plädiert sie an
andere Eltern, kein schlechtes Gewissen zu haben.
Damit aus dem Kurzzeitwohnen kein Dauerzustand wird, haben die
Einrichtungen bestimmte Regeln aufgestellt. Bei der Lebenshilfe HPZ
beträgt der Aufenthalt maximal sechs Wochen pro Jahr, der natürlich auf
mehrere Termine aufgeteilt werden darf. Wochenende und Ferien sind
die Zeiten, die am meisten in Anspruch genommen werden. Damit es
sich nicht knubbelt, müssen die beiden Einrichtungsleiter Sarah Voiß und
Christoph Lemberg sowie Belegungskoordinatorin Jacqueline Langer gut
planen. Eine Besonderheit bei der Lebenshilfe HPZ ist, das auch junge
Erwachsene bis 27 Jahren Kurzzeitwohnen in Anspruch nehmen dürfen.
Horst Thelen, Fachbereichsleiter Kinder-Jugend im Vinzenzheim in
Aachen berichtet, dass Gäste, die Kurzzeitwohnen erstmalig nutzen,
maximal zwei Tage aufgenommen werden. Im Gespräch mit Moderatorin
Martina Krause sprach er davon, dass gut ausgebildete, tapfere und
flexible Mitarbeiter das A und O sind. Ebenso viel Wert legt er auf das
Elterngespräch: „Wir müssen so viel wie möglich über das Kind wissen.“
Denn nur dann hätten die Gäste die Möglichkeit, sich schnell einzuleben.
„Es ist erstaunlich, wie schnell die sich alleine zurechtfinden“, nimmt er
Eltern, die Bedenken haben, die Angst.
Dem schließt sich Thomas Beitelhoff, Leiter des Kurzzeitwohnens in der
Einrichtung Die Arche im westfälischen Halle an. „Die Kinder lieben den
geschützten Rahmen. Für Eltern hat er den Rat, dass sie einfach lernen
müssten, dass ihr Kind auch außerhalb des Zuhauses gut untergebracht
werden kann.


Prof. Dr. Barbara Fornefeld von der Uni Köln betrachtete das Thema
Kurzzeitwohnen von außen. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur
ProfiPress


Zum Abschluss der Vorträge warf Prof. Dr. Barbara Fornefeld von der
humanwissenschaftlichen Fakultät der Uni Köln einen Blick von außen
auf das Thema Kurzzeitwohnen. „Je schwerer das Kind beeinträchtigt ist,
desto höher ist die Belastung für die Eltern, was auch durch eine höhere
Scheidungsrate belegt wird“, referiert sie. Fornefeld kommt anhand von
Studien zu dem Schluss, dass Kurzzeitwohnen entlastet und gleichzeitig
dazu führe, dass eine stationäre Unterbringung vermieden werden
könne. Voraussetzung sei gelebte Gastlichkeit. Fornefeld sieht nicht nur
den Urlaub für die Eltern als benötigte Auszeit. „Kinder mit Behinderung
brauchen auch einmal Erholung von der Familie“, meinte sie.
pp/Agentur ProfiPress
Bildzeilen:


 


Die Lebenshilfe HPZ in Bürvenich bietet schon seit 2006 Kurzzeitwohnen
an. Vertreten wurde sie bei der Tagung durch Jacqueline Langer (v.l.),
Christoph Lemberg, Michaela Hölz, Sarah Voiß und Rolf Emmerich.
Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress


 


115 Teilnehmer aus ganz Deutschland wohnten der Fachtagung im
Kölner Horion-Haus des LVR bei. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur
ProfiPress

 


Die Experten der Lebenshilfe HPZ in Bürvenich waren gefragt: Viele
Gäste informierten sich bei Jacqueline Langer (v.l.), Sarah Voiß und
Christoph Lemberg über die Einrichtung. Foto: Thomas
Schmitz/pp/Agentur ProfiPress