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Leland Lee

Botschafter des Autismus

Zülpich-Bürvenich/Taipeh - Als Leland 18 Monate alt war, bemerkten seine Eltern eine drastische Veränderung in seinem Verhalten. Er verwandelte sich von einem aufgeschlossenen Jungen in ein weinerliches, schreiendes Kleinkind, das ohne ersichtlichen Grund in Wutausbrüche geriet. Am beunruhigendsten war jedoch die Tatsache, dass Leland aufgehört hatte, zu kommunizieren, dass er nicht mehr antwortete und sich immer weiter in sich zurückzog. Aufgrund dieser alarmierenden Entwicklung suchten seine Eltern die Hilfe von Experten. Nach zahlreichen Diagnosen und Tests in verschiedenen medizinischen Institutionen, kam die Bestätigung und Lelands lebenslanger Kampf mit dem Autismus begann.

Wie sehr die Kunst eine Brücke sein kann in eine Welt, in die wir nur wenig Zugang haben, dass zeigten 2014 zwei Kunstaktionen eben jenes bemerkenswerten jungen Mannes Leland Lee, der damals 25 Jahre alt war und der gemeinsam mit seiner Familie auf Einladung des Bürvenicher Künstlers Rolf A. Kluenter und Rolf Emmerich, Geschäftsführer der Lebenshilfe HPZ, zu Besuch in der Eifelregion war.

„Lelands Talent für die Malerei offenbarte sich schon im Alter von sechs Jahren“, erzählte sein eineinhalb Jahre älterer Bruder Jason. Und eigentlich war er selbst es gewesen, der damals Kurse in einer Kunstschule besuchte. Als Leland und seine Mutter ihn an einem Tag früher abholten, überbrückte Leland die Wartezeit mit Zeichnen. „Als ich seine Bilder sah, habe ich nur gedacht: ´Wieviel besser ist dein Bruder doch als du´ und ich überließ ihm meine Unterrichtsstunden“, so Jason bescheiden, der heute als Pastor seine Arbeit sehr intensiv auch anderen autistischen Kindern widmet.

Unzählige Nächte, in denen die beiden mit Fingerfarben gemeinsam heimlich die Zimmerwände bemalten, folgten, erinnerte sich Mutter Karen Chien Lee lachend. Mehr als 1000 Bilder hat Leland seitdem gemalt. 1999 nahm ihn die Tageszeitung Los Angeles Times in ihre Gruppe der 100 bemerkenswertesten Nachwuchstalente auf, im vergangenen Jahr wurde er zum „Künstler des Jahres“ in Taiwan gewählt, und das öffentliche Fernsehen zeigt jetzt ein Jahr lang jede Stunde eines seiner Werke in einem Videoclip.

Er habe mit Leland bereits auf der 54. Biennale in Venedig, in Rotterdam und im Nationalmuseum in Taiwan ausgestellt, erzählte Kluenter in einem Interview. Lelands Eltern führten das bekannte Astoria-Café in Taipeh, das schon seit 65 Jahren existiere. Ähnlich wie in den großen Wiener Cafés um die Wende des 19. Jahrhunderts sei dieser Ort ein beliebter Treffpunkt für viele intellektuelle Exil-Chinesen.

In der Lichtbox-Installation, die in der künstlerischen Interaktion zwischen Leland Lee und Kluenter entstanden ist und im Beratungscenter der Kreissparkasse Euskirchen in Zülpich zu sehen war, zeigen Lelands Bilder eine farbensprühende Welt voller Optimismus und Lebensbejahung. Es sind „Happy Colors“, wie Lelands Mutter den Malstil ihres Sohnes beschreibt. Seine Bilder erinnern an die Werke der amerikanischen Pop- Art-Künstler James Rizzi, Keith Haring und des deutschen Malers Otmar Alt. Zur Unverwechselbarkeit von Lelands Handschrift gehören die Puzzle-Struktur seiner Bilder und Konturen schaffende schwarze Linien.

Lelands Lieblingsfarben sind strahlende Rot-, Blau-, Grün- und Gelbtöne. Dieses Prinzip von schwarzer Kontur und monochromer Kleinfläche  steht in einer langen Tradition, die bis zum brasilianischen Maler Romero Britto reicht. Lelands Malerei ist ferner von anderen bedeutenden Malern inspiriert. So wird es in Zülpich auch bunt um Edvard Munchs´ berühmtes Gemälde „Der Schrei“. 
Der Schrei: Lelands Kunst ist von bedeutenden Malern inspiriert. So wird es in Zülpich auch bunt um Edvard Munchs´ berühmtes Gemälde „Der Schrei“. Foto: Claudia Hoffmann/pp/Agentur ProfiPresspp/Agentur ProfiPress 

Kluenter baut die Brücke zum Autismus mit einem bestechenden Kunstgriff, der normalerweise nicht Teil von Lelands Welt wäre. Er projiziert ihn mit leuchtenden Fotografien in seine eigenen Bilder hinein. Denn wenn Menschen mit dem Asperger-Syndrom, einer Autismusform,  Bilder malen, geht es fast immer um Einsamkeit: Oft skizzieren sie sich selbst an einem Ort, von dem aus sie die komplizierte Welt in Ruhe beobachten können - in einem U-Boot auf dem Grunde des Meeres oder winzig klein auf einem hohen Berg. Mit dieser Installation setzen die beiden Künstler ein gemeinsames Zeichen für den Autismus. Ein Zeichen, das international ist und mit dem der Fachaustausch zwischen der Bürvenicher Lebenshilfe HPZ und den Fachbereichen Autismus der beiden Universitäten Kalifornien und Taipeh gefördert wird. „Vielleicht wird es demnächst sogar ein Symposion zum Thema Autismus in Bürvenich geben“, hofft HPZ-Geschäftsführer Emmerich. 

In seiner Laudatio, erzählte Dr. Peter Kramp, wie es zu der Förderung als Anschubfinanzierung kam. Die Papierfabrik Smurfit-Kappa Zülpich engagiert sich sehr in Zülpich und Umgebung. „Sie tut viel für den Nachwuchs“, erklärte Geschäftsführer Dr. Kramp „Jetzt fördert die Smurfit-Kappa-Foundation auch Menschen mit Behinderung in Form einer Anschubfinanzierung des „Trans-Media-Empowerment-Programm“ bei der Lebenshilfe HPZ in Bürvenich.

Wer zwei Tage nach der Ausstellungseröffnung die Zülpicher Landesgartenschau 2014 besuchte, dem wurde noch einmal ein ganz besonders bewegender Moment zuteil. Leland verwandelte dort im Rahmen des Projekts „Kleiner Kosmos Felsenkeller“ fünf  Millionen alte Steine aus der Eiszeit in ein zeitgenössisches Kunstwerk. Lelands Kunst ist tief im Glauben verwurzelt und während mit flott-farbenfrohem Pinselstrich ein taiwanesisches Haus, ein Pferd, ein Vogel, ein Hirsch und ein Herz entstanden, sang der junge Mann, von dem die Ärzte einst gesagt hatten, er werde niemals sprechen lernen, Gebetslieder in drei Sprachen. Als sein Werk vollendet war, dankte Leland Gott mit dem Lied „Amazing Grace“. 

Während er die Millionen Jahre alten Steine bei der Landesgartenschau Zülpich 2014 bemalte, sang der junge taiwanesische Künstler, von dem die Ärzte einst angenommen hatten, er werde niemals sprechen können, Gebetslieder in drei Sprachen. Foto: Claudia Hoffmann/pp/Agentur ProfiPress